Der Mensch möchte am liebsten vergessen, daß die Zeit, der Kreislauf der Jahre, nichts anderes als die unaufhaltsame Flucht, der zunehmende Schrumpfungsprozeß und zuletzt die Vernichtung seines Lebens ist. Dafür entfaltet er Festbetrieb, um zu vergessen, daß die Zeit der Tod ist. Und kann doch dies düstere Wissen der Menschheit nicht zum Schweigen bringen. Der Psalmist sagt (38, 6 und 7): "Alles, was Mensch heißt, ist nur ein Hauch. Ein Schatten nur geht der Mensch vorüber, er macht viel Lärm und alles um nichts." Das ist vor ihm gesagt worden, die Jahrtausende hindurch, und es ist nach ihm gesagt worden und hört nie auf, gesagt zu werden, die Jahrtausende hindurch. "Die Zeit ist der Tod." Das wissen alle Menschen von einem gewissen Punkt ihrer Lebenszeit ab. Aber sie sagen es nicht ausdrücklich. Es hat ja doch keinen Zweck. Nur die Dichter — denn der religiöse Mensch ist an sich kein Sager —, welche sagen müssen, was ihnen am Daseinsgeheimnis besonders auffällt, leiden erstaunlich oft unter der Zeit, dem Wesen und der Existenz der Zeit. Ich hole von H. E. Holthusen etwa die "Acht Variationen über Zeit und Tod" hervor: "Narrt uns die Zeit nicht? Ist sie nicht leer und nichtig, denn über dem Nacken / Steht uns der Tod, ein eisiges Nein? ... / All meine armen Brüder, ihr sterblichen Leiber der Menschen, / Ihr seid verloren, und kaum daß ihr da seid ... Die Zeit ist der Tod."